Schwesternliebe
Erneut war eine Schlacht gegen die Trolle geschlagen. Erneut feierten sie, als seien sie siegreich gewesen. Warum auch nicht? Yurkin selbst hatte gleich drei große Trolle erschlagen und ihnen die eisenbeschlagenen Waffen gestohlen. Man konnte über die Trolle sagen, was man wollte, doch ihre Waffen waren großartig. Szorn sah das wie sie. Sie ahnte, dass er genau wie sie die Trolle mochte, auf eine verquere Art und Weise zwar, aber was wäre ein Schnee-Elf ohne einen Troll?
Trotzdem. So sehr Yurkin das Kämpfen mit ihnen liebte, sie wusste ebenso gut um den Preis dafür. Ein wahrer Schnee-Elf zahlte den Preis gerne. Kämpfen hieß Leben und Leben hieß Kämpfen – etwas, das sie von klein auf gelernt hatte, so wie fast jeder ihrer Stammesgefährten.
Doch Yurkin hatte sich angewöhnt, sich diesen Preis ein ums andere Mal vor Augen zu führen, um zu überlegen, ob sie ihn immer noch zahlen wollte. Sie hatte gesehen, wie einige um sie herum an diesem Preis zerbrochen waren. Ganz langsam und endgültig. Sie hatten verloren, was einen Schnee-Elf ausmachte, Leidenschaft und Freude am Leben und am Kämpfen. So wollte sie nie enden.
Ihre blassblauen Augen schweiften über das Lazarett. Hier lagen nur die, die es wirklich schlimm erwischt hatte. Die, die dem ehrenvollen Tod noch einmal entkommen waren. Die anderen saßen schon bei ihren Kampfkameraden, tranken, gaben mit ihren Verletzungen an und feierten. Feierten den Sieg und die, die im Kampf gestorben waren.
Der Geruch von Blut und Kräutern hing schwer in der Luft. Es war ein Geruch, den Yurkin mehr fürchtete als alles andere auf der Welt. Nein, wenn, dann wollte sie lieber im Kampf sterben als hier zu liegen und darauf zu warten, bis der Tod sie gnädigerweise abholte. Sie wollte durch eine Waffe dahingerafft werden, nicht durch Wundbrand und Fieber. Der Gedanke schüttelte sie und sie schärfte ihren Blick aufs Neue.
Da, endlich fand sie den Elf den sie gesucht hatte. Wie bleich seine Haut unter dem rabenschwarzen Haar wirkte, das ihrem so glich. Ihr Bruder war heute dem Tod nur um einige Fingerbreit entkommen. Die Schlachtaxt hatte sich nicht tief genug in sein Fleisch treiben lassen, um wichtige Organe zu verletzen, doch tief genug, um eine breite Narbe zu hinterlassen und ihn einige Zeit ans Krankenlager zu fesseln, so hatte es Ambra ihr versichert. Natürlich hatte sie gefragt. Natürlich liebte sie Tyen. Schließlich war er ihr Bruder, doch sagen würde sie ihm das nicht. Liebe machte weich und schließlich wusste er es sicher auch so gut genug. Was glaubte er denn sonst, wieso sie und ihr Vater so hart mit ihm trainierten? Damit er da draußen überlebte, verdammt noch mal. Er war so klein und schwach, wahrhaft kein geborener Krieger so wie sie oder ihr Vater. Im Gegenteil, er war weit davon entfernt, aber auch ihre Mutter war keine geborene Kämpferin gewesen und schließlich hatte sie doch ihr ganzes Herz an das Schwert gehängt und war mit demselbigen in
der Hand gestorben.
Ein raues Knurren neben ihr ließ sie umsehen. Also war auch ihr Vater gekommen, um zu sehen, wie es ihm ging.
„Er fiebert.“ ließ sie Ekwyl wissen.
„Wenigstens kämpft sein Körper gegen den Tod.“ erwiderte er darauf mürrisch. Sein Blick heftete sich an den Körper
ihres Bruders, der dalag wie eine Stoffpuppe, die jemand unachtsam zwischen unzählige andere geworfen hatte. Die Enttäuschung war ihm deutlich anzusehen.
Ihr Vater hatte nie hier gelegen. Das wusste sie. Er trug jede Verletzung und Narbe mit Stolz, das war der Grund dafür, wieso er sich weigerte, eine Binde über dem fehlenden Auge zu tragen.
Als Kind hatte sich Yurkin sehr vor dem mit Narbengewebe überzogenen Loch geekelt, aber inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt, so wie man sich an den Anblicke der eigenen Narben gewöhnte. Inzwischen konnte sie sich gar nicht
mehr daran erinnern, wie er mit zwei Augen ausgesehen hatte.
„Er wird durchkommen.“ sagte sie in die Stille. „Er schafft es jedes Mal.“
„Ich weiß. Manchmal wünschte ich …“ Der Krieger unterbrach sich und Yurkin schloss die Augen und biss sich auf die Unterlippe. Sie wusste, wie der Satz weiterging, und sie wollte es nicht hören. Daher war sie froh, dass Ekwyl sich unterbrochen hatte.
Sie öffnete die Augen und wagte einen Blick in sein Gesicht. Er hatte die Lippen aufeinander gepresst und die Schlagadern an seinem Hals stachen gut sichtbar hervor. Yurkin folgte seinem stieren Blick und erkannte gleich, dass ihr Vater sich nicht unterbrochen hatte, weil ihm plötzlich klar wurde, wie abscheulich sie seine Worte fand. Auch ihr Gesicht verzog sich in Abscheu und Ärger.
Wie ein Geist war er zwischen den Sterbenden aufgetaucht. Ebenso weiß und lautlos. Wie sie ihn verabscheute, fast noch mehr als ihr Vater, nein, um einiges mehr sogar.
Volahn ging neben Tyen in die Hocke, strich mit der Hand die vom Fieberschweiß verklebten Haarsträhnen aus seinem Gesicht und sprach auf ihn ein. Sie konnte nicht verstehen, was er sagte, doch sie wusste, dass es Worte des Trosts und der Ermutigung waren. Worte, die weder sie noch ihr Vater ihm je gegeben hatten oder geben konnten.
Die Hand ihres Vaters legte sich um den Griff seines Schwertes. Yurkin wusste, dass er ihn am liebsten von oben bis
unten aufgeschlitzt hätte, wenn er gekonnt hätte. Doch Volahn gehörte zu ihnen, er war nicht der Feind der Schnee-Elfen, zumindest nicht der aller.
Die Kriegerin legte ihrem Vater beschwichtigend die Hand auf den Schwertarm, der linke, wie sie immer wieder erstaunt feststellte. Sie kannte seine Meinung über den zurückgekehrten Reisenden nur zu gut. Dumme Flausen über höhere Ziele und Magie und all solche Unsinn setzte er seinem Sohn in den Kopf, hielt ihn davon ab, seine wahre Bestimmung als Krieger zu finden. Ihre eigenen Gedanken dazu hatte sie nicht mit ihrem Vater geteilt. Für einen kurzen Augenblick verdunkelten sich ihre Augen und ihre Züge wurden mutlos.
War es Einbildung, oder hatte der seltsame Elf tatsächlich gerade in ihre Richtung gesehen und so gelächelt, als wüsste
er, was sie beide dachten? Sofort nahm Yurkin wieder ihre kriegerische Haltung ein, das Gesicht angriffslustig und unbeugsam. Niemals Schwäche zeigen, niemals unterliegen.
„Das reicht jetzt.“ hörte sie ihren Vater knurren. Er schob sie grob zur Seite und stapfte auf Volahn zu. Er begann auf den weißen Elf einzuschimpfen, ihn anzuklagen. Dabei wirkte er wie immer, als befinde er sich auf dem Schlachtfeld. Volahn hingegen erhob sich so ruhig und sah ihrem Vater so gelassen in die Augen und antwortete so gefasst, als würde ihn der Zorn ihres Vaters kein bisschen beeindrucken. Yurkin spürte, wie ihr eigener Zorn erneut aufflammte. Wie lächerlich ihr Vater neben ihm wirkte, wie er da so hilflos und blind gegen ihn wütete und wie es den anderen scheinbar kalt ließ. Ekwyl war ein geachteter und gefürchteter Krieger hier. Jedermann hier hatte Respekt vor ihm. Ja er war manchmal grob, doch er kannte das Leben nicht anders und er meinte es gut mit seinen Kindern, auch wenn es nicht immer so wirkte. Aber Schnee-Elfen verstanden das. Er WAR beeindruckend, doch jetzt wirkte er wie ein hilfloses Kind.
Hör auf Vater, lass ihn stehen, er lässt dich auflaufen, wollte Yurkin ihrem Vater zurufen, doch der hatte sich zu sehr in Rage geredet, um ihre Worte überhaupt zu verstehen.
Die Kriegerin schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Das Trauerspiel wollte sie sich nicht länger antun. Es gab eine Siegesfeier zu feiern. Das würde sie etwas ablenken. Ein paar Schläuche Met mit den Mädels, ein paar freundschaftliche Ringkämpfchen mit den Jungs.
Als sie das Krankenlager verließ, hörte sie schon die Rufe, die Musik und das Gerangel. Ein breites Grinsen zog sich über ihr Gesicht. Ja, so musste das Leben sein. Ein Fest, eine Schlacht und dann wieder ein Fest.
Yurkin zwängte sich durch die betrunkenen und tanzenden Stammesgefährten, beglückwünschte den ein oder anderen zu seiner neuen Narbe oder ließ sich selbst beglückwünschen für die drei erschlagenen Trolle.
Schulterklopfen, freundschaftliche Hiebe in die Seite und Zuprosten säumten ihren Weg, bis eine vertraute metselige Stimme ihre Aufmerksamkeit forderte.
„He, du alter Trollfurz! Noch keinen Tropfen hast du dir mit deiner Waffenschwester genehmigt.“
Yurkin wandte sich um und stemmte die Arme in die Seite.
„Na, du säufst es doch am liebsten eh allein, Zhayed!“ erwiderte sie.
Beide Frauen lachten und Yurkin ließ sich neben der Nichte Zeys nieder und rang ihr einen Schlauch des goldenen
Gesöffs ab.
„Auf Krem! Ein guter Krieger in der Schlacht und ein noch besserer zwischen den Fellen. Auf dass er so viele Trolle wie möglich mit sich ins Grab genommen hat.“ rief Zhayed laut aus.
„Auf Krem!“ bestätigte Yurkin und kippte einen ganzen Schwung der flüssigen Wärme hinunter.
Sie saßen etwas abgelegen. Eine gute Gelegenheit, sich gegenseitig auszutauschen. Yurkin hatte einen Heidenspaß daran, wenn sie und Zhayed versuchten, sich gegenseitig mit ihren Schlachtgeschichten zu übertreffen. Natürlich war die Wahrheit hier ein sehr schwammiges Ding, aber wen interessierte schon die Wahrheit, wenn es darum ging, die beste Geschichte zu erzählen?
Zhayed versuchte ihr gerade weis zu machen, dass sie einen drei Meter großen Troll mit drei Eiern so dermaßen in die Weichteile getreten hatte, dass dieser sich winselnd zurück an Mutters Brust geflüchtet hatte, als neben ihnen ein Schnee-Elf aufkreuzte, der ebenfalls ein paar Flaschen Met zuviel geöffnet hatte, um zu sehen, was sich an deren Grund befand.
„Na, Yurkin? Zhayed?“ lallte er heiter. Sein Kopf war zur Hälfte in einem Verband eingewickelt. Ungelenk ließ er sich zwischen die beiden Frauen plumpsen und grinste sie an. „Wollt ihr mal die Platzwunde sehen, die der Troll mir verpasst hat, bevor ich ihn in die süße Welt der Kriegsopfer geschickt hab?“ fragte er aufgeräumt.
„Ne, lass mal. Wir wollten noch was saufen, da können wir es uns nicht leisten, dass uns jetzt schon schlecht wird.“ entgegnete Yurkin geringschätzig.
„Ach, seit wann bist du denn so zimperlich?“ Der Elf fingerte schon an seinem Verband herum. „Das bisschen Blut.“
„Es geht ja nicht um das Blut, sondern um die Fresse darunter, davon wird uns schlecht.“ erklärte Zhayed mit einem
kleinen fiesen Lachen und Yurkin stimmte nickend zu.
„Pah, ihr wünschtet doch beide, ihr könntet ne Fresse wie meine morgens beim Aufwachen sehen.“ konterte der Elf.
„Klar ... ich lache gerne am Morgen.“ Yurkin stieß ihren Metbecher mit dem ihrer Waffenschwester über dem angeschlagenen Kopf des jungen Kriegers zusammen. Dieser zeigte sich wenig beeindruckt. Wer sich in die Nähe von Yurkin und Zhayed begab, wusste, worauf er sich einließ.
„Aber mal im Ernst, Mädels.“ Gönnerhaft lehnte er sich zurück und legte jeder der Elfen einen Arm um die Schultern.
„Ich hab da was, das euch interessieren könnte. Obwohl, du solltest es ja schon wissen.“ Er nickte in Zhayeds Richtung.
„Ach ja? Ich weiß ne Menge. Was könnte ne kleine Trollkröte wie du mehr wissen?“ fragte die weißhaarige Elfe zurück
und musterte den Elf abschätzig.
Auch Yurkin versuchte ihr Interesse möglichst zu verbergen. „Na, nun rück schon raus.“
„Es gibt Gerüchte.“ begann der Elf. „Seit Kahvi zurück ist, ist Zey ein Nervenbündel, aber das ist kein Geheimnis.“
Er winkte ab und nahm noch einen tiefen Schluck von seinem Met. „Aber wusstet ihr auch, Kahvi plant, dass wa’ ins Sonnendorf einfallen wollen, um so’n Mini-Palast-Teil-Dings zu klauen? Und Zey is ziemlich sauer. Ich hab immer geahnt, dass es Ärger gibt, wenn die Alte zurückkommt!“
Yurkin tauschte mit Zhayed einen kurzen Blick aus. Sie wusste, dass sie beide das Gleiche dachten. Zumindest ansatzweise. Elfen gegen Elfen? Diese Frage stand beiden deutlich ins Gesicht geschrieben. War das überhaupt eine Herausforderung? Die Perlenrassler waren ja nicht gerade das, was man als kriegerisch bezeichnete. Der Elf zwischen ihnen lachte auf.
„Stellt euch das mal vor! Die Dreckwühler und Gemüsebauern und dagegen wir? Mann, da hätte sogar dein Brüderchen
ne Chance.“ Er schlug Yurkin die Hand vor die Brust und lachte aus vollem Halse.
Die Kriegerin verzog das Gesicht zu einem halbherzigen Grinsen. Aber vermutlich hatte er Recht, einen unerfahrenen Kämpfer sollte sogar Tyen schaffen.
Zhayed lachte nicht, sie grinste nicht mal, etwas, das Yurkin deutlich ins Auge fiel. Sie setzte ihr Met an und sah nachdenklich aus. Skeptisch musterte Yurkin ihre Freundin. Nun war der Einzige, der lachte, ihr uneingeladener Gast.
„Das heißt natürlich nur, wenn unser weißer Wanderer nicht schon für ihn...“ Der Elf kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu beenden. Yurkin war aufgefahren und hatte ihm die Faust ins Gesicht geschlagen, so dass dieser zurückgefallen war. Es war passiert, bevor sie sich dessen bewusst geworden war. Der Elf sah verwirrt zu Yurkin auf, die immer noch über ihm lehnte.
Sie spürte wie ihre gesamte Wut auf Volahn sich in ihr zusammenballte und zu explodieren drohte. Die Finger ihrer Faust schoben sich enger zusammen und sie holte erneut aus. Ihr Gesicht war heiß, sie spürte, dass ihre Kiefer sich aufeinander pressten und ihre Nackenmuskeln sich verspannten. Sie hätte nochmals zugeschlagen, wieder und wieder und wieder, hätte sie nicht Zhayeds graue Augen auf sich gespürt.
„Verpiss dich!“ fuhr sie den jungen Krieger an.
„Hast du sie noch alle?“ fragte der etwas angefressen zurück und setzte sich auf.
„Ich hab gesagt, verpiss dich, sonst vergess’ ich mich!“ wiederholte Yurkin lauter.
„Reg’ dich ab!“ Der Elf rappelte sich hoch und rieb sich die angeschlagene Nase. „Weniger Met, mehr Hirn.“ maulte er noch, bevor er sich von den beiden entfernte.
Bedauernd sah Zhayed auf das verschüttete Met, das bei Yurkins Schlag über den Boden geschwappt war. „Verschwendung.“ murrte sie und klaubte die Scherben des Krugs auf. „Hat dir ‘n Troll ins Hirn gefurzt oder so was? Schlage nie einen Mann mit Met in der Hand.“
Yurkin erwiderte nichts. Sie öffnete und schloss ihre Faust, um wieder etwas Gefühl hineinzubringen. Zornig starrte sie in die Leere. Hilflosigkeit war ein widerliches Gefühl und sie verachtete es, zu spüren, wie viel Macht Volahn über sie hatte.
Yurkin spürte einen festen Schlag auf ihren Arm. „He, was is’ denn?“ Zhayed klang ruhig, so wie sie nur klang, wenn sie ernst war. Unwohl fuhr sich Yurkin durch die Haare. In ihr tobte ein ganzer Sturm aus Machtlosigkeit und Wut.
Zhayed sagte nichts, sie sah sie nur an, bis Yurkin sich schließlich durch das Gesicht fuhr. Es war eh alles aus, was hatte sie also zu verlieren? Zhayed war ihre Freundin, ihre Waffenschwester, wenn sie sich ihr nicht anvertrauen konnte, wem dann?
„Er nimmt ihn uns weg.“ murmelte sie in ihre Handschuhe und sah Hilfe suchend zur Decke. „Er spinnt ihn ein mit Worten, die weder Vater noch ich ihm je gegeben haben oder geben konnten.“
Zeys Nichte wirkte verwirrt. Sie neigte den Kopf und zog die Augenbraue hoch. „Hä?“
„Volahn.“ erklärte Yurkin mit rauher, tonloser Stimme. „Er... er ...“ Ratlos fuchtelte sie mit den Händen herum. „Er nimmt ihn uns weg.“ Sie verharrte in ihrer Bewegung und ihr war, als würde alle Kraft von ihr weichen. „Er nimmt ihn mir weg.“ fügte sie unendlich leise hinzu.
Zhayed musterte sie immer noch, gerade so, als fragte sie sich, ob ein großer Troll ihrer Freundin etwas zu heftig auf
den Kopf geschlagen hätte.
„Wer nimmt dir wen weg?“ fragte sie nach einer Weile und setzte den Krug ab. „Zuviel Met, ich glaub’, ich bin etwas langsam im Kopf.“
Da, wo Zhayed nun befürchtete, zuviel zu trinken, befürchtete Yurkin, dass ihr Alkoholspiegel für das, was sie sagte, nicht ausreichte. Die Kriegerin nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Krug und füllte gleich nach, bevor sie weiter sprach.
„ER.“ sagte sie mit Grabesstimme. „Dieser aufgeblasene, besserwisserische, alte ....“ Sie suchte krampfhaft nach einem Wort, das ihr ausreichend erschien. „Dieser alte Assgeier!“ platzte es dann heraus. „Volahn! Er nimmt mir... uns... Er nimmt mir meinen Bruder weg!“ Die Wut in ihrer Stimme war kaum zu überhören.
Zhayed schielte wieder zu ihrem Krug. Die Entscheidung, den Met wegzulassen, geriet ins Wanken. Ihre Finger strichen wehmütig über den Rand des Kruges und kosteten sehnsüchtig die Tropfen, die daran hängengeblieben waren.
„Tyen? Deinen kleinen, weichen Bruder?“ fragte sie vorsichtshalber nach.
Yurkin schüttelte heftig den Kopf. „Er ist nicht halb so schwach, wie ihr alle denkt, wie er selbst denkt. Ich weiß das und der alte Geier auch.“ erwiderte sie dabei heftig. „Vater sagt immer, er würde zuviel denken, um ein guter Krieger zu sein. Das versucht er ihm auszutreiben. Denken behindert im Kampf, aber Denken behindert Volahn nicht. Er ist gefährlich.“ Yurkins Stimme wurde immer tiefer und rauher, so wie die ihres Bruders, wenn dieser sich unwohl fühlte.
„Gefährlich?“ Zhayed klang eher amüsiert als überzeugt. Sie wollte nun doch wieder zum Krug greifen, als ihre Freundin
sie am Arm festhielt.
„Ja, er ist gefährlich. Zhayed, wenn irgendwer das versteht, dann du. Volahn ist kein Krieger mehr, aber er, er weiß viel,
er weiß, welche Fäden er ziehen muss, um Tyen einzuwickeln. Und genau das tut er. Ich weiß nicht wieso, ich ... weiß ... nicht...“ Yurkins Gesichtsausdruck änderte sich, so als habe sich eine Tür für sie geöffnet, die zuvor verschlossen gewesen war. Sie ließ den Arm ihrer Waffenschwester los und starrte wieder ziellos in die Gegend.
„Was? Weißt du es doch?“ Die weißhaarige Elfe musterte ihre Kameradin nun doch aufmerksam. Ihr Körper hatte eine Kampfhaltung eingenommen. Es war ihr deutlich anzusehen, dass das Benehmen Yurkins sie ebenso unruhig machte.
Langsam ließ sich Yurkin erschöpft zusammensacken. „Ich weiß, ich mache es ihm schwer, aber ich liebe ihn. Er ist doch mein Bruder.“ meinte sie hilflos. „Ich weiß, dass er stark ist, vielleicht stärker als ich oder Vater, weil er seinen eigenen Weg sucht. Aber er irrt sich. Sein Weg ist bei UNS, bei mir und Vater, ganz sicher nicht bei IHM!“
„Was meinst du zu wissen?“ fragte Zhayed erneut, diesmal eindringlicher. Yurkin hatte das Gefühl, ihre Kameradin wollte sie davon abhalten, zu tief in ihre sentimentale Welt abzurutschen. Und sie hatte Recht. Sentimentalität machte angreifbar, und das konnte sie sich nicht leisten.
„Zuerst musst du mir schwören, niemandem zu erzählen, was ich dir jetzt sage. Niemandem, selbst wenn dein Leben davon abhängt.“ Yurkins blaugraue Augen fixierten die rotstichigen Augen ihrer Freundin. Es war ihr anzusehen, wie ernst es ihr war. Keine Kompromisse, keine Tricks. Zhayed nickte und schlug sich mit der rechten Hand auf die Brust, bevor sie in die entgegengehaltene Hand einschlug.
„Kein Wort, bei meiner Ehre, bei meinem Blut, bei meinem Schwert.“
Eine Weile herrschte Schweigen, Yurkin überlegte gut, doch schließlich befand sie die Vertrauensprüfung für abgeschlossen. Die Kriegerin rückte näher an Zhayed heran und sah sich misstrauisch um. Keine ungebetenen Ohren sollten hören, was sie zu sagen hatte. Erst als absolut sicher war, dass sie ungestört waren, begann Yurkin leise zu erzählen: „Es ist eine ganze Weile her, da war von dem alten Assgeier noch keine Spur. Es war eine der unzähligen Schlachten gegen die Trolle, keine wichtige, keine besondere. Tyen war noch ein Stück jünger, unerfahren, aber noch entschlossen, ein echter Schnee-Elf zu werden. Ich war natürlich in seiner Nähe, denn... entschlossen hin oder her...“
sie verzog das Gesicht und machte eine vage Handbewegung. „Egal. Also, ich hatte ein Auge auf ihn, so wie fast immer.
Er kämpfte mehr schlecht als recht gegen einen ziemlich großen Kerl. War in ziemlicher Bedrängnis. Ich hatte natürlich meine eigenen Probleme, daher hab ich nicht alles gesehen. Als ich meinen Gegner erschlagen hatte, steckte Tyen ziemlich tief im Trollmist. Ich hab noch gesehen, wie sein Gegner ihn zu Boden getreten hat, ihm den Klumpfuß auf die Brust stellte und sein Schwert mit dem anderen wegtrat. Ich hab natürlich versucht, hinzukommen, um ihn mal wieder den Arsch zu retten, aber ein anderer Troll hielt mich auf. Ich musste mich beeilen, ihn aus dem Weg zu räumen, sonst wär’ ich wieder Einzelkind.“
Zhayed hob die Hand. „Ja, klasse Geschichte, aber was...“
„Lass mich ausreden!“ beharrte Yurkin und Zhayed machte eine abwehrende Handbewegung, schwieg aber wieder.
Yurkin suchte eine Weile nach dem Faden, den sie verloren hatte, bevor sie fortfuhr: „Ja, also, ich hab mich um diese Warzenfresse gekümmert, im Schnelldurchgang. War keine große Herausforderung. Du kennst den Typ. Große Streitaxt, meinen, sie haben den dicksten, haben aber ungefähr soviel drauf wie ein altersschwaches Rentier nach einem langen Winter. Es ist eine Schande.“
„Du kommst, glaub ich, vom Thema ab.“
„Mist, ja, in Ordnung. Also weiter. Ich und die Warzenfresse also. Keine große Sache, wie gesagt. Als ich mich dann
wieder der Familie zuwende, seh ich was, das ich eigentlich gar nicht sehen sollte. Mein Bruder immer noch am Boden,
das Gesicht bleich, als hätte er schon an die Palasttüren geklopft, allerdings sieht der Troll auch nicht viel besser aus. Beide starren auf das Schwert, das mein Bruder wieder in der Hand hält. Tyen sieht aus, als hätte er die Panik seines Lebens, der Troll sieht einfach nur verwirrt aus. Einige Sekunden später guckt er gar nicht mehr, weil ich ihm mein Schwert von hinten durch die Lunge geschoben hab. Ich hab mir damals keine großen Gedanken darüber gemacht, hab mir meinen Bruder geschnappt, der unter Schock stand, aber mich hat’s nicht gewundert, hätt’ ja fast seinen letzten Atemzug getan.“ Auf eine Reaktion wartend sah Yurkin ihre Waffenschwester an. Diese erwiderte den Blick ebenso abwartend, scheinbar unsicher, was man von ihr erwartete.
„Du hattest doch gesagt, der Troll habe das Schwert weggetreten.“ meinte sie dann unsicher.
„Eben genau das! Er konnte sich nicht bewegen, und er hatte es trotzdem wieder, und das hat ihm und dem Troll ziemlich zugesetzt. Verstehst du? Ich hab’s auch erst nicht kapiert, aber dann hab ich mich erinnert. So was passierte öfter, auch schon davor, aber es war ihm nie bewusst. Gegenstände sind ihm einfach in die Hände geglitten.“ Yurkins Flüstern war heiser, als sie versuchte, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. „DAS will der alte Assgeier von meinem Bruder. Genau das. Magie! Hokuspokus!“
Zhayeds Blick blieb derselbe. So was hatte Yurkin befürchtet. Keine Reaktion war so ziemlich die schlimmste Reaktion bei ihrer Waffenschwester. Angespannt beobachtete sie die Miene ihrer Freundin. Nein, sie bereute nicht, ihr Geheimnis geteilt zu haben, vielmehr das Geheimnis ihres Bruders, denn sie wusste, auf Zhayed war Verlass. Wenn es hart auf hart kam, war auf sie Verlass.
„Magie, eh?“ sagte sie dann nach einer Weile. Die gewohnte Abneigung aller Schnee-Elfen lag in ihrer Stimme. Yurkin nickte nur. Sie selbst hatte lange damit zu kämpfen gehabt. Magie war etwas, das nicht zu einem Schnee-Elf passte.
Selbst Szorn als respektierter Krieger musste sich den einen oder anderen Spruch gefallen lassen. Aber Szorn war eben ein respektierter Krieger und Tyen nicht.
Zhayed verzog nachdenklich das Gesicht und warf einen weiteren sehnsüchtigen Blick in Richtung Met. Schließlich gab
sie dem Verlangen nach. Darauf musste man einfach was trinken.
„Zu hoch für mich.“ gestand sie dann.
„Für mich auch. Aber ich schwöre dir, manchmal sieht Volahn meinen Bruder an, als …. Als sei er eine Waffe. Ich habe keine Ahnung, was genau er vorhat, aber ich weiß, dass es nichts Gutes ist.“
Zhayed nickte. „Das sagt mir mein Bauch auch.“ Der Blick, den die Kriegerin aufsetzte, verhieß, dass Yurkin fortan einen Verbündeten haben würde. Sie hob ihren Krug ebenfalls wieder an und trank. Sie würden viel Met benötigen, um mit all dem klarzukommen. Aber für heute war genug gegrübelt. Morgen war auch noch ein Tag, an dem man sich Gedanken machen konnte.
Die Gerüchte waren wahr geworden. Kahvi war aufgebrochen, den kleinen Palast zu erobern Einige tagelang hatten sie gewartet. Zeys aufhetzerische Reden waren von Tag zu Tag energischer geworden, doch heute war Chot zurückgekehrt. Sie würden wirklich aufbrechen.
Yurkin hatte es gewusst. Sie hatte gewusst, wie Zhayed sich entschied, sie hatten darüber gesprochen, und jede respektierte die Entscheidung der anderen. Zwar machte es ihr das Herz schwer, doch sie würde sie ziehen lassen. Es waren keine Worte nötig, um Zhayed zu sagen, dass sie sie vermissen würde. Es waren niemals viele Worte nötig gewesen, auch in der Nacht nicht, wo sie die Sache besprochen hatten, hatten zwei oder drei knappe Sätze ausgereicht.
Heute würde Yurkin nicht nur ihren Bruder verabschieden, sondern auch ihre Schwester im Geiste. Ihren Bruder, auch Tyen würde sie ziehen lassen müssen. Ihm wollte Yurkin soviel sagen, ihn umstimmen, festhalten, ihm die Augen öffnen, doch sie wusste es besser. Kein Wort würde ihn zurückhalten. Also schwieg sie. Und ihm Gegensatz zu dem Schweigen zwischen ihr und Zhayed fühlte dieses Schweigen sich an wie der dumpfe Schmerz nach zu viel Met.
Sie würde sich auch nicht so sehr sorgen, würde nicht der weiße Assgeier neben ihm stehen. Das Gesicht ihres Vaters,
als Volahn Tyen die Hand auf die Schulter legte und dieser sich umdrehte und ging... Diese Fassungslosigkeit. Das würde sie nie vergessen können. Sogar jetzt noch blickte ihr Vater wie vom Donner gerührt.
Mit wütendem Gesicht starrte sie der Gruppe um Juin nach. Zhayed war noch nicht bei ihnen, und sie bemerkte ihre Anwesenheit neben sich. Yurkin musste gegen ihre Willen grinsen.
„Ich hoffe, ihr verreckt alle jämmerlich im Schnee!“ meinte sie zu ihrer Waffenschwester.
Diese grinste zurück: „Und ich hoffe, die verdammten Perlenrassler treten euch ordentlich in den Arsch.“
Kameradschaftlich nahmen sich die beiden noch ein letztes Mal in den Arm. „Pass gut für mich auf ihn auf.“ flüsterte
Yurkin dabei in den Fellmantel ihrer Freundin und klopfte ihr hart auf die Schulter.
Zhayed nickte knapp, als habe sie einen Befehl erhalten, dann ging sie zu Tyen und den anderen.
Hier trennten sich also ihre Wege und Yurkin wusste, dass sie beide vermissen würde, so sehr wie ein Schnee-Elf eben jemanden vermissen konnte. |